Saisonfinale: Nach einer denkwürdigen Rekordsaison haben die Baskets Chancen auf zwei Titel. Das Erfolgsrezept basiert auf Disziplin und Vertrauen. In Malaga biegt das Iisalo-Team auf die Zielgerade ein

Basketball-Playoffs 2023 für die Baskets Bonn: Das Monster ist noch nicht fertig

Zum Abheben: Tyson Ward (links) und TJ Shorts feiern eine gelungene Aktion FOTO: JÖRN WOLTER SPALON

Rekorde, Rekorde, Rekorde. Was für eine Saison. Schon jetzt erleben die Telekom Baskets Bonn einen Freudentaumel, wie ihn der Hardtberg, wie ihn Bonn lange nicht gesehen hat. Beste Offensive der Liga, beste Defensive. Erfolgreichste Hauptrunde der Vereinsgeschichte mit 32 Siegen in 34 Spielen, zu Hause ungeschlagen. Bester Trainer - zum zweiten Mal in Folge -, bester Spieler der Liga-zum zweiten Mal in Folge. Im Halbfinale des Finalturniers in der Champions League tritt die Mannschaft von Cheftrainer Tuomas lisalo am Freitag (20.30 Uhr, Live-Stream bei courtside 1891) gegen Gastgeber Malaga an.

Aber die Baskets spielen nicht nur erfolgreich, sondern auch attraktiv. Zum Abschluss der Bundesliga-Hauptrunde landen sie in den Highlight-Top 10 auf den Plätzen eins und zwei. Mal wieder. National und international machten sie mit spektakulären Aktionen von sich reden. Und von ihrer Spielweise der schnellen Entscheidungen, die die meisten Gegner überfordert.

Trotz Vorbereitung waren die gegnerischen Teams selten in der Lage, Lösungen gegen das Team mit den vielen flexiblen Werkzeugen zu finden. Denn wer das Team alleine auf den MVPTJ Shorts reduziert, begibt sich schon in höchste Gefahr. Jeder Spieler dieser Mannschaft kann Spiele entscheiden. Und TJ Shorts kann es, obwohl Gegner versuchen, es zu verhindern.

Gegnerische Trainer ziehen reihenweise nicht vorhandene Hüte, Jeremy Morgan sagt: "Nach ein paar Spielen wusste ich, diese Mannschaft hat etwas Besonderes." Einer der Champions-League-Kommentatoren fand ein sehr treffendes Bild: "Tuomas Iisalo created a Monster." Er hat diese Mannschaft zusammengebaut und die Art, wie sie Gegner dominiert und nicht mehr aus den Fängen lässt, passt in ihrer Unerklärlichkeit zu dem Bild, dass ein konspirativer Tüftler hier mit geheimen Rezepten am Werk war.

Dabei sind die Zutaten eigentlich simpel. Disziplin, Beispiel 1: Pünktlich ist beim detailverliebten Finnen schon zu spät. Beispiel 2: Die Auszeiten. Egal in welche Halle oder an welche Bank man blickt: Überall ist jemand mit seinem Getränk beschäftigt oder steht so weit weg, dass er den Trainer unmöglich verstehen kann. Manchmal sprechen Spieler miteinander statt zuzuhören. In Bonner Auszeiten gibt es das ausnahmslos nicht. Bis in die vierte Zuschauerreihe hinter der Bank würde niemand wagen zu schwätzen.

Anzunehmen, Iisalo rege sich blindwütig auf, wenn Dinge nicht funktionieren, täte dem ehemaligen finnischen Nationalspieler Unrecht. Er sieht sich in der Verantwortung für das Einhalten des Plans, der Abläufe. Ein x-beliebiges Beispiel: Nach dem großartigen Erfolg gegen Alba Berlin mit der Eroberung der Tabellenführung kam Braunschweig in den Telekom Dome. Iisalos Mannschaft tat sich schwer und erlaubte dem Tabellen-17. mehr, als sie Gegnern gewöhnlich gestattet. Iisalo gab seinem Team Hilfestellung statt es anzubellen und erklärte die Nachlässigkeit: „Das ist doch menschlich."

Es geht um Disziplin und den Respekt voreinander, nicht um Drill. Niemand soll eines anderen Zeit vergeuden. Auch nicht im Training, in dem, so hört man immer wieder, es härter zugehen soll als im Spiel. 

Vertrauen ist die zweite Zutat, in drei Ausführungen: Selbstvertrauen-davon haben die Baskets reichlich aufgebaut. Das Spiel gegen Ulm war insofern doch gar nicht so unwichtig. Denn das Gefühl, nach 19 Siegen in Serie unschlagbar zu sein, reist nun mit nach Malaga, wohin der Baskets-Tross am Dienstagnachmittag aufbrach. "Es war gut, dass wir Probleme hatten", sagt Iisalo. "Mit 95 Prozent Fokus bringst man nur 50 Prozent Leistung. Gut, dass wir zum Schluss den Schlüssel gefunden haben."

Selbstvertrauen, Vertrauen in den Mitspieler und Vertrauen in das Trainerteam sowie dessen Philosophie und Spielsystem. Da gibt es einen Satz, den Iisalo schon in seinem ersten GA-Interview über seine Playoffserie mit Crailsheimgegen den FC Bayern gesagt hat. "Wir haben nicht geglaubt, dass wir gewinnen können, wir wussten es." Gewinnen ist eine Angewohnheit. Verlieren auch.

Niemand hat die Baskets auf der Rechnung. Mit den Etats der drei Konkurrenten Malaga, Teneriffa und Jerusalem können sie nicht mithalten. Und doch haben sie sich in dieser Saison einen Ruf erarbeitet, der Gegner ein bisschen im Unklaren lässt. Warum haben so wenige gegen diese Mannschaft eine Chance? Können wir es besser? 

Die Baskets jedenfalls werden auf Malaga vorbereitet sein, Iisalo sieht seit dem Ulm-Spiel Videos der Spanier. "Ich will in ihr Denken und ihre Ideen reinfinden. Empathie ist ein wichtiger Teil des Coachings", sagt er. "Es ist gut, dass wir uns jetzt auf einen Wettbewerb konzentrieren können und nicht switchen müssen wie zuletzt. Jetzt das Final4, danach die Playoffs." Einfach wird es nicht gegen den spanischen Pokalsieger und mehr als 10.000 Heimfans. Aus Bonn reisen mehr als 500 Baskets-Fans mit.

Zwei Spiele haben die Baskets in der BBL verloren. Einmal mit vier (Ludwigsburg), einmal mit fünf (Berlin) Punkten Differenz. Ihre Siege holten sie mit durchschnittlich absurden 17,7 Punkte. Es ist also kein Wunder, dass Experten lisalo und seinem Team in diesem Jahr den großen Wurf zutrauen. Der Weg führt über Chemnitz, den Sieger aus der Viertelfinalpartie Oldenburg/Ludwigsburg und im Finale dann wahrscheinlich Berlin, das im Halbfinale dem Papier nach auf den FC Bayern trifft.

Zwei Titel sind drin, die Erwartungen sind hoch. Nicht nur bei den Fans, auch bei der Mannschaft, die sich nun für harte Arbeit belohnen will. "Wir bereiten uns vor, geben unser Bestes", sagt der Trainer. "Das ist eine Strategie, die immer gut funktioniert hat, und ich sehe keinen Grund, das zu ändern. Wir haben schon sehr viel erreicht, aber es wäre grandios, wenn wir einen Wettbewerb gewinnen."

Es beginnen spannende Wochen. Wie auch immer sie enden, danach bleibt es spannend. Denn der aktuelle Erfolg ist lisalo zu verdanken. Die Vertragsgespräche laufen. "Mir ist wichtig: Wie ist die langfristige Planung, wie wollen wir uns entwickeln." Das hängt auch vom Etat ab, der für die Spielzeit kommende gesichert ist, doch danach wäre ein Hauptsponsor sehr hilfreich.

Solange es keine Trainerentscheidung gibt, dürften sich auch die Gespräche mit den Spielern und ihren Agenten hinziehen. Der Fokus liegt gerade ganz woanders: Malaga, Chemnitz.

BBL-SAISON DER BASKETS IM ZEITRAFFER, TEIL 1

OKTOBER
Würzburg - Bonn 71:96

Zum Auftakt überzeugen die Baskets mit Teamplay: fünf Spieler punkten zweistellig. Kessens verletzt sich im Training an der Hand.

Bonn - Bamberg 84:76

Im 950. BBL-Spiel der Clubgeschichte dreht das Team im dritten Viertel einen Neun-Punkte-Rückstand.

Braunschweig - Bonn 72:79

Kratzer wird zum Matchwinner, schrammt nur knapp an seinem BBL-Bestwert von 26 Punkten vorbei. Top: Kratzer: 24 Punkte

Bonn - Göttingen 94:85

So schaurig, wie sich die Fans zum Halloween-Spiel kleiden, spielen die Baskets nicht. Ensminger wird als bester Youngster der vergangenen Pro-Saison ausgezeichnet. Top: Morgan: 23 Punkte

NOVEMBER
Bonn - Heidelberg 98:65

Beim lisalo-Bruder-Duell freut sich Tuomas über einen Kantersieg, bei dem sieben Baskets zweistellig scoren. Kessens feiert sein Comeback.

Hamburg - Bonn: 72:101

Erstmals die 100 Punkte geknackt. Ward pausiert verletzt, Shorts zeigt einmal mehr seine Klasse.

Ludwigsburg - Bonn: 84:80

Bei der ersten nationalen Niederlage fehlt das Glück von außen. Nur fünf von 25 Dreiern zappeln im Netz.

DEZEMBER
MBC-Bonn: 74:91

Mit einer starken zweiten Hälfte erobern sich die Baskets die Tabellenführung von München zurück.

Bonn - München: 78:68

Topspiel gewonnen, Tabellenführung zurückerobert. Malcolm knickt um und muss raus.

Crailsheim - Bonn 99:83

Mit einer 20-Punkte-Führung im ersten Viertel stellen die Baskets die Weichen für einen lockeren Sieg.

Bonn-Chemnitz: 80:73

Im Weihnachtsspiel stellt Shorts einen Saisonrekord (38 Punkte) auf. Morgan verletzt sich schwer.

Bonn - Frankfurt 89:66

Ward macht sein bestes Saisonspiel mit 29 Punkten.