Hohe Auffassungsgabe, schnelle Reaktionsfähigkeit, ständige Lernbereitschaft und eine gewisse Technik-Affinität sollten Krankenpflegekräfte mitbringen.

St. Petrus Krankenhaus, Bonn: Echt intensiv

Viel Geld ist geflossen seit Corona die Intensivstationen zur Modernisierung und Aufstockung zwang. Vanessa l. weiß, welche Geräte sie wie und für welche Behandlung bedienen muss. FOTOS: JÖRG WILD

Krankenpflegekräfte waren die Helden der Pandemie. Aber eigentlich waren sie es auch schon davor und sind es bis heute

Krankenpflegerinnen und -pfleger genießen einen hohen gesellschaftlichen Stellenwert. Dieses gute Image wuchs in manchen Phasen der Corona-Pandemie noch einmal. Zu Recht! Aber der Job ist auch in nicht-pandemischen Zeiten herausfordernd. Und genau deshalb so reizvoll, wie wir bei der Recherche erfuhren.

St. Petrus Krankenhaus, Bonner Talweg. Es ist ein schöner Sonnentag, auf der Intensivstation im dritten Stock ist um die Mittagszeit ein wenig Ruhe eingekehrt. Während die Kolleginnen und Kollegen sich zum Mittagessen treffen, nehmen sich drei Pflegekräfte Zeit fürs Gespräch. Das Thema: Was macht den Beruf des Intensivpflegers so reizvoll?

Dabei ist schon die Fragestellung falsch, denn die Mehrzahl der Kolleginnen ist weiblich. So wie Natalie Schönenborn, 26 Jahre alt und seit über drei Jahren hier tätig. Und wie Vanessa I., 24, seit den schlimmsten Corona-Monaten vor knapp zwei Jahren im Team. Mit dabei ist aber auch Martin Jungbluth, 57 und seit 34 Jahren auf der Station.

„Ja, Corona, das war eine echte Herausforderung“, bekennt Jungbluth. Er meint damit auch die Ungewissheit am Anfang und die logistische Herausforderung. Die sechs Beatmungsplätze auf der Zehn-Betten-Station wurden auf zehn erhöht; kurzfristig sollten notfalls sogar 20 Beatmungsplätze zur Verfügung stehen. Ein OP-Saal wurde dazu umgebaut und mit vier Plätzen aufgerüstet. Über die Testphase kam dieser Bereich nie hinaus. Zum Glück. Und trotzdem: „Die zweite Welle im Winter 2021/2022 habe ich in schlimmer Erinnerung“, erzählt Martin Jungbluth. ,,Wir sind teilweise regelrecht hier rausgekrochen."

Zum Glück ist diese Zeit vorbei. Heute ist fast alles wie früher. ,,Wobei wir jetzt besser ausgestattet sind", erzählen die Pflegerinnen. Es ist richtig Geld geflossen, und das wurde für die technische Ausstattung der Bettenplätze genutzt. ,,Das macht jetzt vieles leichter!"

Die Maske mal kurz fürs Gruppenfoto herunternehmen, damit man die Gesichter erkennen kann? Keine Chance! Strengste Hygieneregeln sind für Natalie Schönenborn, Vanessa I. und Martin Jungbluth das A und O des Alltags.
Die Maske mal kurz fürs Gruppenfoto herunternehmen, damit man die Gesichter erkennen kann? Keine Chance! Strengste Hygieneregeln sind für Natalie Schönenborn, Vanessa I. und Martin Jungbluth das A und O des Alltags.

Wobei: Leicht? „Wir haben alle so ein Intensiv-Gen", erzählt Natalie Schönenborn. „Man merkt das schnell." Auch Vanessa I. hat das wohl, die während ihrer Lehre auf der Station ihre Leidenschaft für Intensivpflege entdeckte - und nach Abschluss ihrer Ausbildung vom Team mit offenen Armen aufgenommen wurde. Eine hohe Auffassungsgabe, schnelle Reaktionsfähigkeit, ständige Lernbereitschaft und eine gewisse Technik-Affinität und Lust auf Innovationen sollten Kandidatinnen und Kandidaten mitbringen. Dann macht die Aufgabe viel Spaß, berichten alle drei unisono.

Jede Pflegekraft betreut im Schnitt zwei bis drei Patienten. Das ist - wie der Name verrät - sehr intensiv. Im St. Petrus, das mit dem nahe gelegenen St. Elisabeth das „Gemeinschaftskrankenhaus" bildet, hat man sich auf Herz/Kreislauf-Krankheiten, Gefäßchirurgie und Orthopädie/Unfallchirurgie spezialisiert. Entsprechend stammen auch die meisten Nach-OP-Patienten aus diesen Fachrichtungen. Hinzu kommen Unfallpatienten und durch die City-Nähe bedingt auch viele intoxikierte Patienten". Vergiftungsopfer? Drogen! Alkohol!

Natürlich kann sich niemand mit allen Krankheitsbildern auskennen, aber das ist auch nicht nötig. „Wir sind in der Pflege weisungsgebunden", erklärt Martin Jungbluth. „Und für alles, was wir nicht wissen, gibt es hier viel sehr gute Literatur", ergänzt Vanessa I. Da ist sie wieder, die ständige Lernbereitschaft. Ganz wichtig ist natürlich auch, dass man - anders auf peripheren Stationen - nie alleine ist. Wer Hilfe braucht, bekommt sie sofort.

Teamwork, Teamentwicklung und die Einbindung der Pflege-Meinung in die Ärzte-Visite sind für die drei Intensivpfleger wichtige Bausteine der Zufriedenheit im Job. Flache Hierarchien und ein ständiger Informationsfluss in alle Richtungen runden das Bild ab. „Und natürlich ist auch nicht ganz unwichtig, dass wir beim Gehalt höher eingruppiert sind“, meint Martin Jungbluth.

So kristallisiert sich ein Berufsbild heraus, das von einer unglaublichen Professionalität, aber auch Leidenschaft geprägt ist. In dem Teamwork und fachliche Anerkennung - auch Anerkennung und Respekt durch die Ärzte - wichtig sind. Und in dem der Kontakt mit den Patienten enorm intensiv ist.

,,Natürlich erleben wir auch Tod und Sterben", berichtet Natalie Schönenborn. „Aber nicht mehr als auf Inneren Stationen. Der Tod kommt natürlich auch bei uns vor. Nicht selten haben wir mehr Zeit, um den Menschen beim letzten Gang zur Seite zu stehen." Sie sagt das fast zärtlich und erzählt dann, dass sie wie alle anderen Intensivpfleger auch immer mit den Patienten spricht. Auch mit denen, die im Koma liegen. „Man weiß ja nie, was sie vielleicht doch noch mitbekommen." Und manchmal spürt sie, wie die Atmung der Menschen dann ruhiger wird. Inmitten all der Apparate, Maschinen, Bildschirme und technischen Geräte kommt hier genau die unmittelbare Menschlichkeit durch, die die Intensivpflegenden wohl antreibt, diesen unglaublich anspruchsvollen Job zu meistern. Dafür haben sie allen Respekt verdient. Auch jetzt noch und in Zukunft.

VON JÖRG WILD


KARRIERE

Aus- und Weiterbildung

Wer Gesundheits- und Krankenpfleger werden möchte, sollte mittlere Reife vorweisen können, ein gutes Verständnis für naturwissenschaftliche Inhalte haben sowie gute Kommunikationsfähigkeiten, Einfühlungsvermögen und Kontaktbereitschaft besitzen. Die duale Ausbildung dauert drei Jahre und wird mit einem Examen abgeschlossen. Der nächste Schritt auf der Karriereleiter wäre dann die berufsbegleitende zweijährige Weiterbildung zum Fachkrankenpfleger für Intensivpflege. Der hat mehr Verantwortung und verdient auch besser. Immer mehr Intensivpflegekräfte nehmen zusätzliche Weiterbildungen auf sich, die sie dann zu Fachkrankenpflegern für Intensivpflege machen. Auf der Intensivstation des St. Petrus Krankenhauses sind das schon fast die Hälfte aller Pflegekräfte. jöw